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Unter der Straße Bolmkeblick in Barop liegt etwas, das niemand sehen kann — und das doch den Alltag von 18 Garageneigentümern seit fast zwei Jahren bestimmt. Zwei Blindgänger-Verdachtspunkte, entdeckt bei einer Luftbild- auswertung im Zuge eines geplanten Glasfaserausbaus, sorgen für dauerhaf- te Anspannung. Seit knapp zwei Jahren ringen die Garageneigentümer dar- um, die zwei Verdachtspunkte auf ihren Grundstücken untersuchen zu las- sen. Nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil die Kosten so hoch sind.
Rund 10.000 Euro für Sondierungsarbeiten, weitere etwa 10.000 Euro für spezielle Bohrungen in Garagen sowie zusätzliche Vermessungskosten: Für viele Anwohner ist diese Summe schlicht nicht stemmbar. „Das übersteigt für viele einfach die Möglichkeiten“, sagt Jana Mendorf (41), die erst vor gut zwei Jahren mit ihrer Familie in die Straße gezogen ist. Viele der Eigentü-
mer sind ältere Menschen, deren Renten nicht ausreichen für große Sonder- ausgaben. Dabei gehe es um Sicherheit — für die eigenen Kinder ebenso wie für die Kinder der nur rund 130 Meter entfernten städtischen Kita.
Auch an dem direkt angrenzenden Haus müssten aufgrund der Blindgängerverdachtspunkte potenziell Bohrun- gen im Keller gemacht werden. ® Laurs Scbczy«
Besonders groß ist die Sorge bei Mirko Holl (35). Unter seiner Garage befin- det sich einer der Verdachtspunkte. „Jedes Mal, wenn ich mit dem Auto in die Garage fahre, weiß ich, ich parke auf einem potenziellen Blindgänger.“ Panik verspüre er nicht. „Es schränkt mich jetzt nicht ein. Aber es ist schon immer mit einer gewissen Angst verbunden.“ Dieses Gefühl teilen viele Be- troffene: kein akuter Alarmzustand, aber eine ständige innere Anspannung.
Anwohner müssen Kosten tragen
Die Betroffenen fühlen sich mit der finanziellen Last allein gelassen. Die Stadt Dortmund verweist indes auf eine landesweit geltende Kostenrege- lung. Grundlage ist der Runderlass „Kostentragung in der Kampfmittelbe- seitigung“ des NRW-Innenministeriums von März 2022. Danach über- nimmt das Land zwar die Kosten der eigentlichen Kampfmittelbeseitigung — also dann, wenn eine konkrete Gefahr für Leben oder Gesundheit besteht. Alle vorbereitenden und begleitenden Arbeiten müssen jedoch von den Grundstückseigentümern bezahlt werden.
Im Jahr 2024 seien sowohl der Bauherr als auch die Eigentümer im soge- nannten „Gefährdungsband“, also im Radius von zehn Metern, informiert worden, teilt die Stadt mit. Mirko Holl erzählt es aber anders: Er erhielt im März 2024 ein Schreiben des Ordnungsamtes, das auf November 2023 da- tiert war — mit der Aufforderung, selbst alle Miteigentümer zu informieren. Das Schreiben liegt der Redaktion auch vor. Ein gemeinsamer Ortstermin mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst fand erst Mitte 2025 statt.
18 Garageneigentümer sind von den beiden Blindgänger-Verdachtspunkten betroffen: Auf sie würden Kosten in Höhe von 20.000 Euro kommen. © Laurs Sobezy
Trotz aller Unsicherheiten haben die Betroffenen versucht, gemeinsam vor- anzukommen. Im Mai 2025 beschlossen alle 18 Eigentümer, jeweils 500 Euro einzuzahlen — zunächst für die Wiederherstellungskosten nach Son- dierungen. Weil aber nicht auf freier Außenfläche, sondern in Garagen ge- bohrt werden müsste, würden weitere Mehrkosten entstehen. Diese zusätz- lichen Kosten für die spezialisierte Bohrtechnik von etwa 10.000 Euro wa- ren damals noch nicht bekannt. „Das übersteigt das Mögliche von vielen, die hier wohnen“, sagt Jana Mendorf. „Es war wirklich schon ein Wunder, dass wir hinbekommen haben, dass alle überhaupt 500 Euro einzahlen.“
Probleme bei Gasleck-Arbeiten
Neben der finanziellen Belastung kritisieren die Anwohner die Kommunika- tion mit dem Ordnungsamt: unübersichtliche Unterlagen, E-Mails mit Dut- zenden Anhängen, unvollständige Dokumente. Gleichzeitig schränkt der Verdacht den Alltag ein. Bohrungen, Erdarbeiten oder Erschütterungen sind tabu.
Besonders deutlich wurde die Brisanz der Situation Ende 2024. Damals trat in der Straße ein Gasleck auf, das behoben werden musste. Ein Versor- gungsunternehmen rückte mit schwerem Gerät an. Vorgesehen waren Bag- gerarbeiten im betroffenen Bereich. „Sobald hier Maschinen anrücken, sind wir natürlich sofort in Alarmbereitschaft“, sagt Jana Mendorf. Eine Nachba- rin habe die Arbeiten bemerkt, von dem Blindgängerverdacht gewusst und die Bauarbeiter angesprochen. „Das hätte wirklich nach hinten losgehen können“, sagt Mendorf. Erst im Mai 2025 konnte das Gasleck aufgrund der Situation im Endeffekt behoben werden.
Der Vorfall wirft aus Sicht der Betroffenen grundsätzliche Fragen auf: Wie zuverlässig werden externe Firmen über Blindgänger-Verdachtspunkte in-
formiert? Die Stadt teilt dazu mit, dass Versorgungs- und Bauunternehmen im Regelfall über die bekannten Verfahren und Auflagen informiert und eingebunden seien.
Die Blindgängerverdachtspunkte sind auf dem Garagenhof pink markiert und mit einer Schraube kenntlich ge- macht. © Laura Sobczyk
Auch wirtschaftlich wirkt sich der Verdacht aus. Solange er nicht geklärt ist, droht eine Wertminderung der Grundstücke. Ein geplanter Verkauf platzte bereits, potenzielle Käufer sprangen ab. „Man investiert viel Geld, saniert al- les. Wir machen uns Gedanken über jede Wandfarbe, damit das möglichst gesund ist für die Kinder und dann taucht so ein Thema auf“, sagt Mendorf.
Aktuell liegt das Verfahren auf Eis. Solange die Eigentümer die Kosten- schätzung nicht unterschreiben, wird der Kampfmittelbeseitigungsdienst nicht tätig. Ein Schreiben an den Oberbürgermeister brachte bislang keine neue Perspektive. „Wir sehen die Verdachtspunkte als Gefahrenlage“, sagen die Anwohner. „Wir möchten sie einfach untersucht wissen — aber dafür brauchen wir mehr Unterstützung.“
Das dürfte noch vielen Grundstücksbesitzern in Zukunft so gehen. Ich vermute, dass relativ viele Strukturen, die noch vor der Verfügbarkeit der britischen Luftbilder gebaut wurden, in Zukunft davon betroffen sein werden. Bei größeren Infrastrukturvorhaben (wie in diesem Fall dem Glasfaserausbau) wird das dann deutlich.
Ich bin mir nicht sicher, ob es die richtige Strategie ist, die Besitzer auf den Kosten der Sondierung sitzen zu lassen.
Ich weiß nicht. Das sind, wenn ich es richtig verstanden habe, 30.000 € Gesamtkosten. Aufgeteilt auf 18 Eigentümer sind das etwa 1.600 € pro Eigentümer.
Wenn man das in etwas über einem Jahr nicht zusammen bekommt, sollte man sich doch schon fragen ob man sich Eigentum überhaupt leisten kann.Berechtigter Einwand. Fand ich auch seltsam, dass es an diesen paar Kröten mangeln soll.


