Was wir Ihnen jetzt erzĂ€hlen, klingt als sei deutscher Journalismus in der Hand dahergelaufener StĂŒmper. Mitten unter uns leben gewissenlose Medienschaffende, die die Berichterstattung ĂŒber Migration und KriminalitĂ€t nutzen, um eigenen Vorurteilen freien Lauf zu lassen. Willkommen in einer Parallelwelt, in der die Jagd nach Aufmerksamkeit mehr zĂ€hlt als journalistische Prinzipien und gesellschaftliche Verantwortung.

So in etwa könnte die Anmoderation zu dieser Recherche lauten, wĂ€re sie von „Spiegel TV“. Seit mehr als 30 Jahren steht das Magazin fĂŒr investigative Recherchen und boulevardeske Zuspitzungen. Vor allem die Reportagen ĂŒber sogenannte „Clans“ entzweien Fans und Kritiker: Die einen feiern sie als mutig und schonungslos. Die anderen werfen dem Format das SchĂŒren rassistischer Vorurteile vor.

Worum geht es, wenn bei „Spiegel TV“ von „Clans“ die Rede ist? Wer kommt zu Wort, wer bleibt außen vor? Und welches Bild zeichnet das Format von KriminalitĂ€t in Deutschland? FĂŒr diesen Text wurden 40 Dokus aus den vergangenen zehn Jahren ausgewertet.

Bei „Spiegel TV“ gilt: „Clans“ = KriminalitĂ€t

Gemein war allen Sendungen ihr Schwerpunkt: Ist bei „Spiegel TV“ von „Clans“ die Rede, geht es immer um KriminalitĂ€t. Es gab keinen einzigen Beitrag ĂŒber andere Aspekte – etwa zu UmstĂ€nden von Migration oder den Verfehlungen von Integrationspolitik. WĂ€hrend sich BeitrĂ€ge ĂŒber Roma-Familien meist um den „Enkeltrick“ drehen, behandelt die „Spiegel-TV“-Berichterstattung ĂŒber arabische Großfamilien Delikte sehr unterschiedlicher Art und Schwere. Die VorwĂŒrfe reichen von RaubĂŒberfĂ€llen und Gewalttaten bis hin zu Vertrags- und Nachbarschaftsstreitigkeiten. HĂ€ufig werden FĂ€lle, die rĂ€umlich und zeitlich weit auseinanderliegen, dramaturgisch zu einem einheitlichen Bedrohungsszenario verwoben – ohne dass klar wird, was die Taten miteinander zu tun haben.

Migrantische Großfamilien und ihre Mitglieder werden bei „Spiegel TV“ explizit mit Kriminellen gleichgesetzt, zum Beispiel in den Titeln („Eine Familienbande auf Beutezug“, „Die fette Beute der Clans“, „Die Menschen-Abzocker“, „Eine kriminelle Dynastie.“), oder durch Moderation und Sprecher. In mindestens 30 von 40 BeitrĂ€gen finden sich Formulierungen, in denen Menschen mit bestimmten Familiennamen pauschal zu Kriminellen erklĂ€rt werden. Über eine polnische Roma-Großfamilie sagte die Off-Stimme 2018: „Der Goman-Clan hat viele Traditionen. Eine besteht darin, mit möglichst viel Aufwand möglichst viel Geld zu ergaunern.“ Die Großfamilie Abou Chaker wird in einer Dokumentation von 2020 als „Einbrecherfamilie“ und „kriminellster Clan schlechthin“ bezeichnet. In derselben Doku heißt es ĂŒber die Mhalami-Großfamilie, der tausende Personen angehören: „Viele verstehen nur eine Sprache.“ Im selben Jahr ist in einem anderen Beitrag von der „Vorliebe der Remmos fĂŒr diebische AktivitĂ€ten“ die Rede.

Diffuse Bedrohung statt AufklÀrung

Einordnungen und HintergrĂŒnde, die solchen Pauschalisierungen entgegenwirken könnten, fehlen in fast allen untersuchten BeitrĂ€gen. Generell bleibt der konkrete Erkenntnisgewinn zum Thema („Clan“)-KriminalitĂ€t in „Spiegel TV“-BeitrĂ€gen erstaunlich gering. Wie „ClankriminalitĂ€t“ definiert wird und welche Straftaten das PhĂ€nomen umfasst, erfĂ€hrt das Publikum meist ebenso wenig wie dass dieser Bereich der KriminalitĂ€t weniger als ein Prozent der KriminalitĂ€t in Deutschland ausmacht und nur ein Bruchteil der Mitglieder migrantischer Großfamilien in ihrem Leben kriminell werden. Nur in drei FĂ€llen werden solche Kontexte erwĂ€hnt.

Was durch das Fehlen solcher Kontexte entsteht, ist ein diffuses Bedrohungsszenario, scheinbar ausnahmslos schwerkrimineller und allmĂ€chtiger Familiennetzwerke. Auch dieses wird hĂ€ufig dramatisiert. Im Teaser der 2020 ausgestrahlten Dokumentation „Die Macht der Clans“ heißt es zum Beispiel:

„Kriminelle Clans und ihre Imperien sind mittlerweile zu einer Bedrohung fĂŒr die deutsche Zivilgesellschaft geworden. Es haben sich Parallelgesellschaften etabliert, die nicht zu kontrollieren sind, in denen nicht mehr die Gesetze GĂŒltigkeit haben, sondern nur noch das Recht der StĂ€rke.“

ÜbermĂ€chtige „Clans“, ohnmĂ€chtiger Staat

Neben allmĂ€chtigen „Clans“ tritt in „Spiegel TV“-BeitrĂ€gen meist noch ein weiterer Akteur auf: der ohnmĂ€chtige Staat. Dieser – so die ErzĂ€hlung – stehe den kriminellen Machenschaften der „Clans“ untĂ€tig, naiv oder ĂŒberfordert gegenĂŒber. Die ErzĂ€hlung geschieht auf vielen Ebenen: durch Geschichten ĂŒber zu geringe Haftstrafen und zu lasche Gesetze oder durch alarmistische O-Töne.

In 21 von 40 BeitrĂ€gen wird die GegenĂŒberstellung vom machtlosen Staat auf der einen Seite und den ĂŒbermĂ€chtigen Großfamilien auf der anderen explizit durch Moderation oder Sprecher vorgenommen. In diesen FĂ€llen gehen Formulierungen ĂŒber konkrete und legitime Kritik an ĂŒberlasteten Gerichte oder fehlenden Möglichkeiten von Ermittlung und Strafverfolgung hinaus und muten teils wie Verschwörungsmythen an. So endet die Dokumentation „Arabische Clans in Berlin“ von 2016 mit den Worten: „Berlin und die Parallelgesellschaft: Arabische Clans, die die Hauptstadt dominieren und ein Staat, der macht- und hilflos zusieht.“ In einem Beitrag ĂŒber den „Remmo-Clan“ aus dem Jahr 2021 heißt es pauschal: „Das staatliche Gewaltmonopol ist auf die Clans ĂŒbergegangen.“

Mehr Staatsvertreter als alle anderen zusammen

Trotz der Kritik an staatlichen Institutionen sind ihre Vertreter und Vertreterinnen in „Spiegel TV“-BeitrĂ€gen allgegenwĂ€rtig. Bei jeder zweiten interviewten Person handelt es sich um einen Mitarbeiter von Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht, anderen Behörden oder Politik. Alle interviewten Staatsvertreter bestĂ€tigten mit ihren Aussagen das Narrativ vom kriminellen „Clan“-Mitglied. Nur in zwei FĂ€llen machten sie auch Aussagen, die im weitesten Sinn dem Narrativ widersprechen. In einem Beitrag ĂŒber ein „Clan“-Mitglied, das seine Nachbarn terrorisieren soll, weist eine Berliner Gerichtssprecherin den „Spiegel TV“-Reporter zum Beispiel darauf hin, dass es sich – anders als von ihm dargestellt – nicht um eine Fall von „ClankriminalitĂ€t“ handele.

Die befragten Staatsvertreter geben auch immer wieder EinschĂ€tzungen jenseits ihres unmittelbaren Kompetenzbereichs - zum Beispiel zu kulturellen, religiösen oder historischen Fragen. In anderen journalistischen Formaten ĂŒbernehmen diese Rolle meist unabhĂ€ngige Experten wie zum Beispiel Wissenschaftler. Auf diese trifft man in „Spiegel-TV“-BeitrĂ€gen allerdings kaum.

In der 2016 ausgestrahlten Dokumentation „Arabische Clans in Berlin“ klĂ€rt ein LKA-Beamter zum Beispiel nicht nur zum Stand seiner Ermittlungen auf, sondern auch darĂŒber, was - seiner Meinung nach - die Ursachen der KriminalitĂ€t sind: „Die hergebrachten Stammesregeln wurden nach Deutschland importiert.“ Was ihn zu dieser kulturellen Expertise befĂ€higt, wird nicht klar.

Auf journalistische Einordnung, Infragestellung oder Kontrastierung wartet man nach solchen Aussagen in „Spiegel TV“-BeitrĂ€gen meist vergebens. Oft gehen sie so nahtlos in die ErzĂ€hlung des Off-Sprechers ĂŒber, dass redaktionelle und staatliche Perspektive nicht mehr zu unterscheiden sind. In vielen FĂ€llen bekrĂ€ftigt oder verallgemeinert der Sprecher diese Aussagen  zusĂ€tzlich. So ergĂ€nzt der „Spiegel TV“-Sprecher auf die Aussage des LKA-Beamten ĂŒber importierte Stammesregeln: „In Berlin leben ĂŒber 80.000 Menschen mit arabischen Wurzeln. Mittlerweile wurde jeder zweite eingebĂŒrgert.“ Kein Wunder, wenn beim Publikum dann der Eindruck entsteht, dass die Aussage des LKA-Beamten fĂŒr die gesamte arabische Bevölkerung Berlins gelte.

Vollends ersetzt wird die journalistische durch die polizeiliche Perspektive, wenn „Spiegel TV“ „exklusiv" dabei ist, wenn Spezialeinsatzkommandos Wohnungen stĂŒrmen, Polizistinnen Immobilien beschlagnahmen oder Menschen aus Shisha-Bars abfĂŒhren. In fast jedem zweiten Beitrag sind entsprechende Szenen zu sehen. Ob diese sehr aufwendigen Polizeirazzien, die kaum zur Aufdeckung von Straftaten in relevantem Ausmaß beitragen, verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig sind, wird nicht hinterfragt. Stattdessen ĂŒbernimmt „Spiegel TV“ auch hier die Darstellung der Polizei unkritisch.

Wortkarg, wĂŒtend, ĂŒberfordert

WĂ€hrend staatliche Vertreter in jeder Sendung meist mehrfach zu Wort kommen, ist eine Gruppe in den „Clan“-Reportagen auffĂ€llig selten zu hören: die gescholtenen „Clan“-Mitglieder selbst. Bei etwa 15 Prozent der Interviewten handelt es sich um Personen, die in der ErzĂ€hlung von „Spiegel TV“ als Teil des „Clan-Milieus“ erscheinen. Dazu zĂ€hlen neben als „Clan“-Mitgliedern bezeichnete Personen auch deren GeschĂ€ftspartner, Freunde, Mitarbeiter und AnwĂ€lte. In den meisten FĂ€llen handelte es sich dabei um Statements von wenigen Worten, in denen die Personen die von „Spiegel TV“ erhobenen VorwĂŒrfe abstreiten. Ein gutes Drittel der Sendungen kommt ganz ohne die Perspektive der Beschuldigten aus.

Auch das Setting, in dem Angehörige migrantischer Großfamilien zu Wort kommen, unterscheidet sich von dem anderer Interviewpartner. WĂ€hrend LKA-Beamte und StaatsanwĂ€ltinnen im professionell ausgeleuchteten Setting befragt werden, begegnet man ihnen oft pöbelnd, fluchend und ĂŒberfordert durch das Objektiv einer wackeligen Kamera. Solche Überfallinterviews auf Gerichtsfluren, Gehwegen, ParkplĂ€tzen oder – in einem Fall – im Abschiebeflieger sind das Markenzeichen von „Spiegel TV“-Dokus. In 36 von 40 BeitrĂ€gen waren sie zu sehen.

HĂ€ufig konfrontieren die Reporter bei diesen EinsĂ€tzen ihre Zielpersonen in Situationen, in denen sicher niemand ein Interview geben will. In einem Beitrag von 2014 befragt der Reporter den Chef eine Roma-Großfamilie, wĂ€hrend dieser – unverpixelt – in Handschellen von maskierten Polizisten abgefĂŒhrt wird. In einem Beitrag von 2018 ĂŒber HĂ€user besetzende Roma in Spanien filmen die Reporter eine mutmaßlich an ihrem Schlafzimmerfenster stehende und nur mit einer Bettdecke bekleidete Frau. Die mehrmaligen Aufforderungen, sie nicht zu filmen, ignorieren die Reporter, bis die Frau und ein Mann aus dem Haus in Richtung des Kamerateams stĂŒrmen. Das Bild von den aggressiven Roma ist im Kasten.

Solche Bilder sind auch noch Jahre spĂ€ter in „Spiegel TV“-BeitrĂ€gen zu sehen - hĂ€ufig ohne den ursprĂŒnglichen Kontext. In vier BeitrĂ€gen zeigt „Spiegel TV“ die Aufnahmen einer Frau, die mit einem Fleischklopfer auf das Kamerateam losgeht. Auch sie ist erkennbar und nicht verpixelt. Die Information, dass die Frau und ihre Familie kurz zuvor Ziel einer Polizeirazzia wurde, fehlt in spĂ€teren BeitrĂ€gen. Ebenso, dass „Spiegel TV“-Reporter daraufhin versuchten, durch ein Fenster in das Haus zu filmen und die mehrmaligen Aufforderungen der Familie, das GrundstĂŒck zu verlassen, ignorierten.

Man kann bezweifeln, ob es „Spiegel TV“ bei dieser Art des Journalismus wirklich darum geht, sinnvolle Informationen zu erlangen. Stattdessen entsteht der Eindruck, die Reporter wollten genau jene Reaktionen provozieren, die sie oft auch bekommen: Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten.

AusfĂŒhrlich und in Ruhe sind „Clan“-Mitglieder in der Regel nur dann zu hören, wenn sie das Klischee vom kriminellen und gewalttĂ€tigen Migranten auch durch ihre Aussagen bestĂ€tigen. Wie in der Dokumentation „Die Macht der Clans“ von 2020: Ali F. berichtet dort ausfĂŒhrlich, dass der Großteil seiner Familie kriminell sei, die Scharia ĂŒber dem Grundgesetz stehe und welche Gewalttaten er seiner Ehefrau im Fall der Untreue antun wĂŒrde.

Der einzige kritische O-Ton entstand zufÀllig

Nur ein einziges Mal hatte ein Angehöriger einer migrantischen Großfamilie bei „Spiegel TV“ Gelegenheit, dem Klischee vom kriminellen Migranten eine Kritik an Stigmatisierung und Kriminalisierung entgegenzusetzen. In einer 2016 ausgestrahlten Dokumentation ĂŒber „Libanesische Familienclans“ spricht der Reporter einen Autofahrer, der gerade in eine Verkehrskontrolle geraten ist, auf seinen vermeintlichen „Clan-Namen" an. Dieser weist die Zuschreibung des Reporters zurĂŒck:

„Ich lebe seit 30 Jahren hier, ich kann nicht mal ausreisen, keiner Arbeit nachgehen. Jedesmal wenn ich mich bewerbe, komme ich mit dieser Duldung an. (
) Was soll ich hier machen?“

Im selben Beitrag findet sich auch der einzige Fall, in dem ein „Spiegel TV“-Sprecher auf die Folgen von stereotypen Pauschalisierungen aufmerksam macht. In dem Bericht ĂŒber KriminalitĂ€t im Essener Stadtteil Altenessen heißt es: „Der falsche Nachname kann hier schnell zum Stigma werden.“ Warum der „falsche Nachname“ fĂŒr viele Menschen in Deutschland zum Stigma wird und inwiefern „Spiegel TV“ mit seiner Berichterstattung ĂŒber „ClankriminalitĂ€t“ dazu beitrĂ€gt, erklĂ€rt er leider nicht.