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Vor drei Jahren hatte ich ein intensives und sehr ernsthaftes Gespräch mit jemandem über das Thema Migration in Europa. Das hat mich zum Denken angeregt und ich möchte hier meine Ergebnisse vorstellen:

So große Ereignisse wie Migrationsbewegungen geschehen nicht aus Zufall. Sie geschehen auch nicht, weil einzelne Personen sich vornehmen, zu migrieren. Ich vertrete hier eine stark anti-materialistische Weltsicht: Dinge geschehen nicht, weil sie von einzelnen gemacht werden, sondern weil sie politisch gewollt werden. Das ist in etwa so, wie zu sagen dass der Zug von Wien nach Hamburg nicht fährt, weil die Räder sich drehen, sondern weil jemand die Weichen entsprechend gestellt hat. Wenn jemand dich fragt, warum die Linie alle zwei Stunden befahren wird, würdest du ja auch nicht anfangen, was von der Funktionsweise des Elektromotors zu faseln, sondern eher von der Wichtigkeit einer Verkehrsverbindung …

Man kann die politische Entscheidung als Resultat der politischen Argumente auffassen, und diese Argumente lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: ökonomische (wirtschaftliche) und nicht-ökonomische Argumente.

  • Die ökonomischen Argumente beschäftigen sich mit Kaufkraft, Lohnentwicklung, und Angebot und Nachfrage des Arbeitsmarktes. Die genaue Beschreibung des Arbeitsmarktes ist etwas kompliziert, da die Bevölkerung selbst wieder auf den Arbeitsmarkt zurückwirkt, etwa indem eine größere Bevölkerung mehr konsumiert; aber im Allgemeinen lässt sich zusammenfassen, dass die Reallöhne umso höher sind, je kleiner die Bevölkerung ist; Und umgekehrt führt eine größere Bevölkerung zu kleineren Reallöhnen. Das folgt einfach aus dem Prinzip von Angebot und Nachfrage und der Annahme, dass die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft eben nur zum Teil aus dem Konsumverhalten folgt, und zum Teil eben auch aus notwendigen Infrastrukturprojekten, Rüstungsausgaben und Fortschrittsbestrebungen, die annähernd konstant sind und nicht von der Größe der Bevölkerung abhängen. Daher sehe ich es so, dass eine 3% größere Bevölkerung wahrscheinlich zwischen 0% und 3% kleineren Reallöhnen führen wird, im Mittel pro Person.

  • Die andere Gruppe von Argumenten sind nicht wirtschaftlicher Natur, sondern meist kultureller Natur, sehr bedeutsam und nicht zu vernachlässigen. Im Wesentlichen geht es dabei darum, dass man anerkennt, dass man mit Migranten nicht nur Arbeitskräfte importiert, sondern auch Menschen die ihre Denkweisen und Gewohnheiten mitbringen, und dadurch einen regen Austausch innerhalb der Gesellschaft anregen. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Kebab. Wer kennt ihn nicht, wer liebt ihn nicht. Ohne die türkischstämmigen Einwanderer gäbe es ihn heute nicht, was ich auch zum Teil darauf zurückführe, dass der typische deutsche Schweinsbraten- und Schnitzelwirt einfach auch zu konservativ ist, um neue Lebensmittel und Zubereitungsweisen ins Repertoire aufzunehmen. Ein besonders schönes Gedankenexperiment zum Vorteil der Zuwanderung sehe ich im goldenen Zeitalter des Islams. Ich gehe davon aus, dass die Menschheit im Allgemeinen, aber insbesondere Mitteleuropa, auf ein neues Mittelalter zusteuert, d.h. eine sehr lange, ruhige und friedliche Periode mit sehr niedrigem Wachstum und sehr entspanntem Lebensstil. Wenn man weltweit schaut, wo das Mittelalter am besten funktioniert hat, dann findet man das “goldene Zeitalter des Islam”, das mit dem frühen Mittelalter begonnen hat und mit dem späten Mittelalter geendet ist. D.h. der Islam scheint sehr kompetent darin zu sein, mit mittelalter-ähnlichen Lebensbedingungen umzugehen. Indem wir den Islam und dessen Mitglieder importieren, importieren wir somit auch die Fähigkeit, mit dem Mittelalter umzugehen. Und das könnte ganz Europa besser auf die Zukunft vorbereiten, als wir es derzeit sind.

  • CyberEgg
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    22 hours ago
    • aber im Allgemeinen lässt sich zusammenfassen, dass die Reallöhne umso höher sind, je kleiner die Bevölkerung ist; Und umgekehrt führt eine größere Bevölkerung zu kleineren Reallöhnen. Das folgt einfach aus dem Prinzip von Angebot und Nachfrage und der Annahme, dass die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft eben nur zum Teil aus dem Konsumverhalten folgt, und zum Teil eben auch aus notwendigen Infrastrukturprojekten, Rüstungsausgaben und Fortschrittsbestrebungen, die annähernd konstant sind und nicht von der Größe der Bevölkerung abhängen. Daher sehe ich es so, dass eine 3% größere Bevölkerung wahrscheinlich zwischen 0% und 3% kleineren Reallöhnen führen wird, im Mittel pro Person.

    Das ist eine unvollständige Betrachtungsweise und daher ist die Schlussfolgerung mMn zu kurz gedacht.
    Das Argument geht davon aus, dass Angebote in ihrem Umfang annähernd fest sind, die Schwankungen in der Nachfrage aber hauptsächlich aus der Bevölkerung kommt. Das lässt sich anhand zweier Beispiele recht leicht widerlegen: die RAM-Preise und die Treibstoffpreise.
    Beide Produkte sind derzeit im Vergleich zu früheren Preisen signifikant teurer geworden, ohne dass sich die Nachfrage in der Bevölkerung geändert hätte. Die RAM-Preise dadurch, dass große Firmen und Konzerne den Markt leerkaufen, bevor irgendetwas bei den Konsumenten in der Bevölkerung ankommen könnte, die Treibstoffpreise sind aufgrund von Hindernissen in der Lieferkette aufgrund des Überfalls Israels und der USA auf den Iran gestiegen, ähnlich wie vor ein paar Jahren im Zusammenhang mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine.
    Wir haben es hier also statt mit erhöhter Nachfrage mit einem drastisch verringertem Angebot zu tun, aus Gründen auf die die Bevölkerung wenig bis gar keinen Einfluss hat und die nicht von der Größe der Bevölkerung abhängig sind.

    Das Argument, die Preise würden bei einer größeren Bevölkerung steigen (und damit die Reallöhne sinken), wird im Zusammenhang mit der Migrationsdebatte in anderer Form ja auch regelmäßig gemacht, nämlich in Form der Behauptung, die Preise für Wohnraum würden steigen, weil dieser aufgrund von Zuwanderung knapper würde. Auch das ist allerdings nachweislich falsch, stattdessen liegen die Gründe in Wohnraumspekulation durch Investoren, einem Mangel an Arbeitskräften sowie gestiegenen Baukosten, die zum Teil auch wieder auf verringerte Angebote (an Arbeitskräften und Rohstoffen/Baumaterialien), zum Teil aber auch an der größeren Zahl regulatorischer Vorschriften. Also auch wieder etwas, auf das die Bevölkerung höchstens mittelbar Einfluss hat, und nicht von der Größe der Bevölkerung abhängig ist.

    Die Charakterisierung und Pauschaliesierung des Mittelalters sowie des Islams finde ich auch mehr als schräg. Das Mittelalter war eine ungefähr 1000 Jahre dauernde Zeitperiode mit höchst unterschiedlichen und über die Zeit gesehen abwechslungsreichen Abschnitten, und der Islam heute ist ein anderer als zu seiner “goldenen Zeit”. Kann man nicht gleichsetzen, nichts davon. Alles an diesen Vergleichen hinkt.